Kaum beachtet von der Weltöffentlichkeit, erlebt Usbekistan eine kleine Revolution. Die einst verbreitete Praxis von Zwangsarbeit auf seinen Baumwollfeldern ist am Verschwinden. Nun stellt sich die Frage, ob der Textilboykott gegen das Land aufgehoben werden kann.

 

Andreas Rüesch

Jahrzehntelang wurden jeden Herbst Millionen von Usbekinnen und Usbeken mit Bussen auf die Baumwollplantagen des Landes gefahren. Dort hatten sie unter der sengenden Sonne von morgens bis abends das «weisse Gold» zu pflücken, für einen lächerlichen Lohn und unter strenger Aufsicht. Selbst Kinder wurden diesem Zwangssystem unterstellt und mussten ihre «patriotische Pflicht» erfüllen, obwohl die Arbeit auf den Feldern allein schon wegen der dort eingesetzten Pestizide gesundheitlichen Schaden anrichtete.

Begonnen hatte die Praxis zur Sowjetzeit, als die kommunistischen Staatsplaner der usbekischen Teilrepublik die Rolle des wichtigsten Baumwolllieferanten zuwiesen. Aber nach Erlangung der Unabhängigkeit 1991 setzte sich die Praxis nahtlos fort. Baumwolle machte anfangs 90 Prozent der Exporteinnahmen Usbekistans aus, und der langjährige Präsident Islam Karimow sorgte mit einem dirigistischen Wirtschaftssystem dafür, dass jede Provinz zu dieser sprudelnden Devisenquelle beitrug. Den Mangel an Erntemaschinen machte das autoritäre Regime damit wett, dass es Angestellte von Staatsbetrieben, ja selbst von Schulen und Spitälern für das Sammeln der wattig-weissen Kapselfrüchte zwangsrekrutierte. Ausländische Proteste verhallten lange Zeit wirkungslos.

Abkehr von der Vergangenheit

Erst mit dem Tod Karimows 2016 erfolgte die Wende. Zur allgemeinen Überraschung begann der neue Präsident, Schawkat Mirsijojew, die schlimmsten Auswüchse des Karimow-Regimes zu beseitigen, darunter Schritt für Schritt auch die Zwangsarbeit. Erstaunlich ist dies deshalb, weil Mirsijojew zwei Jahrzehnte lang Karimows ergebener Diener gewesen war, zunächst als Provinzgouverneur, dann als Regierungschef. Dieses Jahr unterzeichnete Mirsijojew zwei historische Dokumente: Erstens setzte er im Januar eine Reform in Kraft, gemäss der lokale Funktionäre und Unternehmensleiter künftig für die Zwangsrekrutierung von Erntehelfern mit strafrechtlichen Folgen rechnen müssen; bei Verstössen drohen bis zu drei Jahre Haft.

Präsident Schawkat Mirsijojew.

Präsident Schawkat Mirsijojew.

Mukhtar Kholdorbekov / Reuters

Zweitens dekretierte er im März die Abschaffung des traditionellen Beschaffungssystems, mit dem der Staat seit Sowjetzeiten jährlich Quoten für die Baumwollproduktion festgelegt und damit den Anreiz für die Massenmobilisierung von Pflückerinnen und Pflückern geschaffen hatte. Künftig sollen die Bauern grössere Freiheit darin haben, welche Nutzpflanzen sie ansäen, wie sie die Ernte organisieren und wem sie die Baumwolle verkaufen.

«Das sind sehr bedeutende Fortschritte», anerkennt Bennett Freeman, ein früherer amerikanischer Diplomat und heute ein Führungsmitglied der Cotton Campaign, einer breiten Koalition von nichtstaatlichen Gruppen, die auf die weltweite Ausmerzung von Kinder- und Zwangsarbeit im Baumwollsektor hinarbeitet. Freeman gibt im Gespräch jedoch zu bedenken, dass neben dem Engagement des Staatschefs auch den Gouverneuren auf regionaler Ebene (Hokime) entscheidende Bedeutung zukomme. Die Durchsetzung von Mirsijojews Anordnungen bleibe vorerst lückenhaft.

Welchen weiten Weg Usbekistan allerdings in kurzer Zeit zurückgelegt hat, lässt sich in Zahlen fassen. In einem im Februar veröffentlichten Bericht bescheinigte die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) dem Land, dass Kinderarbeit kein Grund zu grösserer Besorgnis mehr darstelle und die systematische Rekrutierung von Studenten, Lehrern, Ärzten und Krankenpflegerinnen aufgehört habe. Aufgrund einer Überwachungsmission mit 7000 Befragungen vor Ort schätzt die ILO, dass bei der Ernte im vergangenen Herbst nur noch 6 Prozent der Helfer zwangsverpflichtet wurden. Vier Jahre zuvor hatte dieser Anteil noch 14 Prozent betragen. Im selben Zeitraum stieg der Lohn je Kilo geernteter Baumwolle auf das Vier- bis Siebenfache. Diese Steigerung ist ein Anzeichen dafür, dass ausbeuterische Praktiken zurückgedrängt werden und die Beteiligten nun ein echtes Entgelt erhalten.

Die stundenlange Arbeit auf den Baumwollfeldern ist hart und läuft noch immer mehrheitlich von Hand ab.

Die stundenlange Arbeit auf den Baumwollfeldern ist hart und läuft noch immer mehrheitlich von Hand ab.

Timur Karpov / AP

Jahrelanger Druck wirkt

Für die internationale Boykottbewegung ist dies ein phänomenaler Erfolg. Ihrem Druck ist es hauptsächlich zuzuschreiben, dass die Führung in Taschkent eine tiefgreifende Reform des Baumwollsektors in Angriff nahm. Als die Cotton Campaign im Jahr 2011 ihren Boykottaufruf lancierte, galt Usbekistan als hoffnungsloser Fall – ein Polizeistaat, der keinerlei Dissidenten duldete, geführt von einem halsstarrigen Langzeitherrscher und bis ins Innerste zerfressen von Korruption. Wenn das Land international je Schlagzeilen machte, so am ehesten wegen der ebenso exzentrischen wie habgierigen Präsidententochter Gulnara Karimowa, auf deren Schweizer Konten im Jahr 2012 wegen mutmasslicher Geldwäscherei Vermögenswerte von mehr als 800 Millionen Franken eingefroren wurden.

Ein Hoffnungsschimmer zeigte sich 2013, als Usbekistan erstmals eine Beobachtermission der ILO während der Ernte ins Land liess. Zwar leugnete das Land noch immer das Problem der Zwangsarbeit und verfolgte lokale Aktivisten, die das Gegenteil belegen konnten, mit harter Hand. Aber unter dem internationalen Druck ging das Regime noch zu Lebzeiten Karimows gegen den Einsatz von Kinderarbeit vor. Unter seinem Nachfolger hat nun auch die systematische Zwangsmobilisierung von Erwachsenen geendet.

Damit stellt sich die Frage nach der Zukunft des internationalen Boykotts. Diesem haben sich 305 Textilhersteller, Modemarken und Warenhausketten angeschlossen, darunter viele bekannte Namen wie Walmart, Costco, H&M, Ikea und der Schweizer Grossverteiler Coop. Sie haben sich verpflichtet, so lange keine usbekische Baumwolle in ihren Textilprodukten zuzulassen, bis Taschkent die Zwangsarbeit im Baumwollsektor nachprüfbar eliminiert hat.

Noch ist dieses Ziel nicht erreicht; die von der ILO geschätzte Zahl von 102 000 zwangsrekrutierten Helfern bei der letzten Ernte ist keineswegs vernachlässigbar. Aber laut der ILO handelt es sich nur noch um das Überbleibsel einer alten Tradition, die sich auf lokaler Ebene manchmal als zählebig erweist. Und selbst die Vertreter der Boykottfront attestieren dem Staatschef den Willen, mit diesen Praktiken endgültig aufzuräumen.

Wie weiter?

In Taschkent wächst derweil die Unruhe; das Regime möchte die Früchte seiner Reformbemühungen ernten. Usbekistan ist nach Indien, China, den USA, Brasilien und Pakistan der sechstgrösste Baumwollproduzent der Welt. Ohne den Boykott könnte es wesentlich mehr verdienen als die 1,6 Milliarden Dollar an Exporteinnahmen im vergangenen Jahr.

Mitte April rief der usbekische Arbeitsminister Nosim Chusanow die Boykottkoalition daher in einem offenen Brief dazu auf, die bisherigen Anstrengungen zu honorieren und die Sanktion aufzuheben. Der Minister stellte dies als Mittel dar, den Reformen weiteren Schub zu geben, und als dringend nötigen Akt der Solidarität in der Corona-Krise. Usbekistans Gesellschaft hängt stark von Geldüberweisungen usbekischer Gastarbeiter im Ausland ab; nach offiziellen Angaben sind wegen der Krise aber bereits 140 000 Usbeken in die Heimat zurückgekehrt, ohne über Einkünfte zu verfügen.

Die Cotton Campaign hat jedoch umgehend klargemacht, dass sie die Aufhebung des Boykotts für verfrüht hält. Es brauche zusätzliche Garantien für die Einhaltung der Arbeiterrechte. Die in Deutschland im Exil lebende Menschenrechtlerin Umida Nijasowa geht davon aus, dass die Zahl der Zwangsarbeiter im usbekischen Baumwollsektor mindestens doppelt so hoch ist wie die von der ILO verbreitete Schätzung. Nijasowa leitet das Uzbek Forum for Human Rights, eine der Organisationen in der Boykottallianz, und stützt sich nach eigenen Angaben auf zahlreiche Informanten vor Ort, die unabhängige Erhebungen zum Problem der Zwangsarbeit durchführen.

Auch sie erwähnt im Gespräch wichtige Fortschritte, darunter die Freilassung politischer Gefangener und den Umstand, dass Aktivisten heute keine Angst vor Verhaftung mehr haben müssen, wenn sie Recherchen zur Lage auf den Baumwollplantagen betreiben. Aber die unter Karimow zeitweise inhaftierte frühere Journalistin gibt zu bedenken, dass die usbekischen Bauern weiterhin völlig vom Staat abhängig seien. Es bestehe das Risiko, dass die nun formell abgeschaffte Staatsplanung sich einfach auf untere Ebenen verlagere und der Druck zur Erfüllung bestimmter Produktionsvorgaben unvermindert andaure. «Eine fundamentale Änderung des Systems ist nötig.»

Politische Reformen hinken hinterher

Der Amerikaner Freeman, Mitbegründer der Cotton Campaign, weist auf ein weiteres Manko hin: Seine Allianz fordert als Voraussetzung für die Aufhebung des Boykotts eine Stärkung der usbekischen Bürgergesellschaft. Es bleibe für Aktivisten sehr schwierig, ihre Organisationen behördlich registrieren zu lassen. «Es braucht jedoch solche unabhängigen Stimmen, um Transparenz und Rechenschaft im Baumwollsektor zu erreichen.»

Immerhin hat die Boykottkoalition in ihrer Antwort an das Taschkenter Regime die Bereitschaft zu einer Lockerung signalisiert. Sie hat eine Initiative angekündigt, in deren Rahmen Modemarken ermuntert werden sollen, zwangsarbeitsfrei produzierte Baumwolle aus Usbekistan zu beziehen. Ähnlich äussert sich auf Anfrage auch Heinz Koller, der für Zentralasien zuständige Regionaldirektor der ILO. Er sieht nun die Voraussetzungen erfüllt, unter Einhaltung von Kriterien zur «verantwortungsbewussten Beschaffung» auch wieder usbekische Baumwolle anzukaufen.

Die grosse Herausforderung wird darin bestehen, das dafür nötige Kontrollsystem aufzubauen – und dies in einer Zeit, in der die internationalen Textilfirmen wegen der Corona-Krise mit einem rückläufigen Absatz konfrontiert sind und wenig Drang verspüren, in neue Rohstoffmärkte vorzustossen. Schnell wird dies kaum gehen. Doch erstmals ist am Horizont erkennbar, dass Textilien mit Baumwolle aus diesem isolierten Staat im Innern Asiens eines Tages auch wieder auf westlichen Verkaufsregalen landen werden.